Von Geilo an den Gjende

Die beiden Ruhetage im Geilo Vandrerhjem waren eine Wohltat. Eigentlich waren Martin und ich nur faul und haben gegessen. Zwischendurch sind wir durch den Ort und haben ein paar Einkäufe erledigt, oder sind im Store von Brusletto hängen geblieben. Nun nach zwei faulen Tagen ist das nächste Ziel das Skarvheimen. Martin und mein Weg sollen sich hier in Geilo nun trennen. Martin hat Probleme mit den Schultern und die Blasen an den Füssen werden auch nicht besser. Er beschließt erstmal mit dem Zug gen Oslo zu fahren und dann will er weitersehen.

Ich überlege noch vom Vandrerhjem aus auf den Budalshøgdin aufzusteigen und den Weg ins Skarvheimen abzukürzen. Aber es ist heute wieder unglaublich heiß und das Thermometer soll die 30 Grad Marke knacken. Also entscheide ich michfür den längeren Weg und entlang der Strasse nach Hagavoss und Hovet zu laufen. Ein gutes hat die Sache. In Hagavoss kann ich im Kiwi was kaltes zu trinken holen und in Hol bestaune ich die alte Kirche, eine Holzkonstruktion aus dem 13 Jahrhundert. Ursprünglich war sie eine Stabkirche, die über die Jahre immer wieder umgebaut wurde.

Am Abend erreiche ich in der Nähe von Kleppstølen meinen Lagerplatz und baue mein Zelt auf. Gesellschaft habe ich auch zu genüge. Ständig kommen neugierige Schafe vorbei und schauen in das Zelt hinein oder stehen etwas abseits und beobachten mich.

Am nächsten morgen geht es von meinem Lagerplatz bei Kleppstølen weiter entlang der Strasse hinauf zur Staumauer des Nedre Stolsvatnet. Von hier laufe ich auf eine Ansammlung von Häusern und dem Ende der Strasse zu. Im großen und ganzen ist die Wegstrecke gerade total unspektakulär. Nur die Mücken werden langsam anhänglich. Ganze Schwärme sammeln sich über mir. Am Mittag erreiche ich das Ende der Strasse. Hier folge ich einem unmarkierten Wanderweg entlang des Djupsvatnet. Den Weg zu finden ist Stellenweise ein wenig kniffelig und nicht immer gut zu erkennen und so stehe ich auf einmal in einem Geröllfeld und sehe den Trampelpfad gut 20 Meter unter mir. Wie ich jetzt hier hoch gekommen bin bleibt mir ein Rätsel. Ich klettere das Geröllfeld wieder hinunter, bis ich wieder auf dem Pfad stehe. Dann geht es eigentlich. Es geht zwischen Bauch hohen Weidensträuchen hindurch und über Schneefeldern direkt an der Abbruchkante zum See. Bloß nicht da runter rutschen denk ich mir. Mit Umrundung des Stolsnuten habe ich Sicht über den Lungdalsvatnet und die dahinterliegende DNT Hütte Lungdalshytta, die heute mein Tagesziel ist. Dann treffe ich auf den Wanderweg des DNT der von nun an schnurstracks zur Lungdalshytta führt. Am frühen Nachmittag komme ich dort an.

Vor dem bewirtschafteten Gebäude laufen ein paar Leute rum. Es sind Mitarbeiter des DNT, die die Hütte für die kommende Sommersaison vorbereiten. Ich bleibe noch eine Zeitlang auf einer der Bänke der Haupthütte sitzen und unterhalte mich mit der Hüttenwartin und über die Wanderung. Danach beziehe ich die umbewirtschaftete Hütte, heize den Ofen an und mache mir eine Dose Labskaus aus den Lebensmittelvorrat der Hütte.

Der nächste Tag führt mich nun weiter in das Skarvheimen hinein. Der Weg steigt hinter der Hütte direkt steil an und bietet wieder großartige Panoramen. Vom Store Klevatnet schaue ich hinab auf den Fødalsvatnet und seinen Wasserfall. An einem Wegweiser mache ich eine kurze Rast und esse eine Kleinigkeit. Dann geht es weiter durch diese raue und eindrückliche Landschaft, immer weiter aufwärts in die Berge. Um mich herum werden die Schneefelder langsam immer mehr. Kein Wunder, bin ich mittlerweile doch schon auf 1300m aufgestiegen. Langsam wandelt sich auch das Bild der Landschaft. Laufe ich anfangs noch über Gras, wechselt nun die Vegetation auf Heidekraut und schließlich stehe ich inmitten von Geröll. Immer wieder kann ich traumhafte Aussichten auf die Berge um mich herum genießen und vor mir führt der Weg auf knapp 1700m hinauf und somit auf den höchsten Punkt der NPL Tour. Ich steige beim Svartetjørne zur Trollnose auf. Auf einmal höre ich einen dumpfen Knall hinter mir. Erst denke ich mir das sich in der Ferne vielleicht ein Schneefeld an einer Bergflanke gelöst hat, dann schaue ich zurück und blicke auf eine dunkelgraue Wand die die aus Richtung Küste herüber zieht. Der Himmel hatte sich binnen Minuten verfinstert und nun rollt ein Gewitter auf mich zu, passend als ich ungeschützt in den Bergen stehe. Ich beobachte die Wolken und sehe das diese Front an mir vorbei ziehen wird. Den Regenguss bekomme ich dennoch ab, aber ich habe noch genug Zeit um mich in meine Regensachen einzupacken. Kurze Zeit später grollt es auch zu meiner linken. Aber auch dieses Gewitter zieht im Bogen an mir vorbei.

Vor mir liegt nun Jutultjørne dessen Oberfläche noch mit dicken Eisschollen bedeckt ist. Ich taste mich über große Schneefelder voran zum Valevatnet. Hier muss ich dessen Ablauf passieren. Ich stehe ein wenig ratlos vor dem Wildbach, der zu seinen Seiten von hohen Schneewechten gesäumt ist. Ich laufe etwas am Ufer auf und ab und überlege wo ich am besten rüber komme. Dann finde ich eine Stelle. Sie schaut nicht optimal aus, aber ich denke es wird gehen. Ich setze den Rucksack ab, ziehe Schuhe und Hose aus und werfe mich in die Crocs. Dann setze ich den ersten Fuss in den Fluss und ziehe ihn auch gleich wieder raus. Scheiße ist das kalt. Es bringt nichts, da muss ich jetzt durch. Ich steige in den Wildbach und das Wasser geht mir bis zu den Oberschenkeln. Ich muss mich ganz schön gegen die Strömung stemmen. Dann kraxeln ich auf der anderen Seite wieder heraus. War das ein Eiskaltes Erlebnis. Ich steige immer weiter auf und erreiche den Höhepunkt der Tour. Inmitten einer Eis und Gerölllandschaft stehe ich auf 1700m und schaue auf Skavlevatnet und Øvre Bjordalsvatnet. Es geht über eine durchgehende Schneefläche abwärts zum Bjordalsvatnet. Es sind nur noch knapp drei Kilometer bis zur Hüte und an diesem laufen habe ich gerade wieder richtig meinen Spass. Der Weg schlängelt sich oberhalb des Sees entlang. Einfach traumhaft!

Ich kann die Hütte schon am Ende des Sees sehen, da höre ich wieder ein donnern hinter mir. Die dritte Schlechtwetterfront zieht gerade an. Ich stehe vor der kleinen Brücke zur Hütte als es zu winden und zu regnen anfängt. Schnell bringe ich die letzen Meter zur Bjordalsbu hinter mich, setze den Rucksack ab und hole den DNT Nøkkel aus dem Deckefach heraus und öffne die Tür. Meinen Rucksack und die nassen Sachen lasse ich erst einmal im Eingangsbereich stehen und gehe in die Stube den Ofen anfeuern. Der Ofen kommt langsam auf Temperatur und werfe mich nochmal in Hose und Schuhe und gehe Wasser holen. Danach hänge ich meine tropfnassen Sachen auf und setze mich mit einer heißen Schokolade vor den Ofen.

Als ich am morgen aus dem Fenster schaue, blicke ich auf eine graue Suppe. Ich kann weder den See noch die Brücke erkennen. Die Sichtweite liegt vielleicht bei 10 Metern. So wie das da draussen ausschaut, habe ich nicht das größte Bedürfnis jetzt raus zu gehen. Ich feuer den Ofen an, koche Kaffee und frühstücke erstmal. Dann fege ich die Hütte durch, stelle neues Wasser bereit und mache mich auf den Weg zur 21km entfernten DNT Skarvheim. Es geht abwärts zum Nedre Bjordalsvatn. Danach über einen kleinen Anstieg und ein paar Altschneefelder. Je tiefer ich nun komme umso mehr klart es auf. In der Nähe des Starsjøen muss ich über ein Schneefeld oberhalb eines Kraftwerksauslasses rüber. Unter mir brodelt es regelrecht aus dem Berg heraus und ich sehe zu das ich schnell weg komme. Dieses ganze Schneefeld ist mir nicht geheuer. Hinter dem Starsjøen geht es nun konsequent bergab durch das Stardalsmønen. Am Ende des Tales blicke ich hinunter in das Stardalen hinein und auf eine Hüttenansammlung an der Strasse. Ich laufe eine kleine Schotterstrasse hinunter bis zur Hauptstrasse und dann noch ein paar hundert Meter bis zur Skarvheim.

Ich mache mir keine großen Hoffnungen das die Hütte besonders toll ausgestattet ist, aber ich soll eines besseren belehrt werden. Meinen Rucksack stelle ich auf die große Terrasse und öffne die Tür. Ich bin sofort sprachlos. Die Hütte ist mit soviel liebe eingerichtet und dermaßen gemütlich, das ich hier sofort einen Ruhetag einlegen könnte. Sogar fließend Wasser, eine richtige Toilette und eine Dusche gibt es hier. Ich koch mir einen Kaffee, lasse den Ofen seine Arbeit machen und setzte mich draussen auf die Bank. Wie ich so hier sitze fängt es an wie aus kübeln zu schütten. Hab ich ein Glück das ich schon hier bin. Das hätte in der tat nen sehr nassen Hintern gegeben.

Am morgen höre ich Stimmen draussen auf der Terrasse. Für Wanderer ist es um acht noch zu früh. Wie ich zur Tür gehe, geht diese auf und ein Mann steht vor mir. Es ist der Hüttenwart mit seinem Sohn, die an der Wasserleitung einige Reparaturen durchführen wollen. Wir unterhalten uns ein wenig und er möchte wissen wie mir die Hütte gefallen hat. Was soll ich dazu noch sagen, die Hütte ist ein kleiner Traum. Während die beiden am werkeln sind, packe ich meine Sachen zusammen und mache mich auf den Weg zum Filefjell. Es stehen 21km an, die ich Anfangs auf der Strasse zum Eldrevatnet zurücklege. Dort biege ich auf eine Schotterstrasse ab, die zum Sulevatnet führt. Unterwegs darf ich meine ersten Rentiere beobachten. Die Kühe stehen mir ihren Kälbern auf den Schneefeldern und suchen nach Flechten. Kurze Zeit später treffe ich etwas abseits der Schotterstrasse auf den Wanderweg der zur Sulebu DNT führt. Am Nachmittag überquere ich den Sattel Suletind und Sulefjell und habe ein atemberaubendes Panorama auf das Jotunheim Gebirge. Sich stell den Rucksack ab, setze mich auf einen Felsen und genieße die Aussicht. Überall in den Hängen streifen Rentiere umher suchen nach Futter. Ein schöner Anblick.

Nach meiner Pause geht es weiter abwärts zum Sulevatn, den ich umrunde. In der Nähe der DNT Hütte suche ich mir für die Nacht einen Zeltplatz und beschließe den Tag.

Schon früh werde ich von wärmenden Sonnenstrahlen geweckt. Der Tag scheint ja heute absolut perfekt zu werden und so sehe ich zu das ich schnell auf die Piste komme. Vom Filefjell steige ich nach Nystuen ab und laufe nach Tyinkrysset. Hier laufe ich nun die Fv53 zum Tyin See hinauf. Auf 14 Kilometern laufe ich nun entlang des Tyin und genieße die ganze Zeit das Panorama auf das Jotunheimen, dessen Berge sich im See spiegeln.

Bei Tyinholmen folge ich der Strasse noch ein paar Kilometer weiter bis zur Fondsbu DNT. Über die Hütte hatte ich mich im Vorfeld bereits informiert und wisse daher schon das sie jetzt noch geschlossen hat. Auf einer der Bänke mache ich aber kurz Pause. Die Strassenkilometer hatten es heute in sich. Die Jungs und Mädels die ständig rein und raus rennen machen die die Hütte für die Saison fertig, schleppen Material und Lebensmittel rein und testen gefühlt 20 mal den Feueralarm. Mir ist es etwas zu wuselig und so schnappe ich mir meinen Rucksack und laufe weiter. Ein Stück weiter unten am See suche ich mir einen Lagerplatz mit Blick auf den Bygdin. Übrigens ganz in der Nähe vom Hause von Aasmund Olav Vinje, der 1860 zum ersten mal den Begriff Jotunheimen für das höchste Gebirge Skandinaviens benutze. Mein Lagerplatz liegt etwas abseits der Strasse zwischen Weidenbüschen und ich habe eine klasse Aussicht auf den See.

Ich habe hier am Lagerplatz und checke abends noch das Wetter für die nächsten Tage. Es soll ziemlich übel werden. Starkregen und Sturmböen sind für die nächsten zwei Tage angesagt. So sehe ich zu das ich morgens so früh wie möglich weg komme in Richtung Gjendebu. Von dort will ich zusehen das ich das Boot über den Gjende zur Gjendesheim bekomme. Eigentlich hatte ich geplant ab der Gjendebu zur Memurubu und den bekannten Bessegengrat oberhalb des Gjende zu laufen. So breche ich am morgen noch vor sieben Uhr auf und folge dem Wanderweg entlang des Bygdin. Bei meinem Aufstieg zum Høystakktjernet fängt es wie versprochen an zu nieseln. Als ich aus dem Tal aufgestiegen bin, genieße ich trotz des schlechter werdenden Wetters die Aussicht über den Bygdin. Ich laufe zur Hängebrücke die mich bei immer stärker werdenden Regen über den Høystakka führt. Trotz des Regens bleibe ich regelmässig stehen und genieße diesen Anblick wenn sich die Wolken um die Berggipfel hängen.

Der Weg ist ab der Brücke eine einzige Autobahn. Es geht mal leicht auf, dann wieder ab. Nur das viele Wasser weiß durch die lange Trockenheit nicht wohin es soll und so steht der Wanderweg stellenweise bis zum Stiefelschaft unter Wasser. Beim Uksedalen erreiche ich für heute den höchsten Punkt und steige nun über das langezogene Veslådalen zum Gjende ab. Das Tal wird von den beiden markanten Bergen Tungepiggan und Gjendetungan zur linken flankiert.

Im Tal befindet sich auch meine zweite Sommerbrücke, die über die Veslåe führt. Nur ist diese Brücke noch nicht aufgebaut und durch den starken Regen seit heute morgen steigen die Pegel gerade gut an. Bisher kam ich ganz gut durch alle größeren Bachläufe so hinüber, auch wenn ich langsam das Wasser einen Weg durch die Stiefel sucht und die Socken langsam nass werden. Aber hier muss ich die Schuhe definitiv ausziehen und durch den Bach waten. Das Wasser gurgelt mir bis über die Knie als ich drin stehe, aber ich komme besser durch als gedacht. Langsam scheint beim Bäche durchqueren eine Routine einzukehren.

Am Gjendesee angekommen, geht es noch über die Brücke am Storåe, dann laufe ich auch schon auf die Hüttenansamlung. Aus den Kaminen der Hütten steigt Rauch auf und ich freue mich schon auf eine warme Hütte.

Die Hütte hatte bereits geöffnet und überall wuselten wieder Leute umher. Am Wochenende findet hier ein Musikfestival statt und dementsprechend wird Technik durch die Gegend getragen und alles aufgebaut. Ich gehe in die Stube, bestelle mir einen Kaffee und lasse mich vor dem prasselnden Kaminfeuer nieder. Die wärme tut gut und auch meine nassen Socken freuen sich über die Wärme. Am Nachmittag mache ich mich auf den Weg zum Anleger und nehme das Boot über den Gjende zur Gjendesheim Turisthytte am anderen Ende des Sees. Das Boot macht einen Zwischenstop bei der Memurubu, wo sich die nächsten durchgeweichten Wanderer hinzugesellen. An der Gjendesheim angekommen buche ich mir für zwei Nächte ein Einzelzimmer. Im Trockenraum hänge ich meine nassen Klamotten auf und gehe erstmal richtig heiß duschen. Dann geht es hinunter ins Hauptgebäude zum Abendessen.

2 Gedanken zu “Von Geilo an den Gjende

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